Lamer Winkel Osser: Wandern im Grenzgebiet

Wenn du nach Bergen im Bayerischen Wald googelst, kristallisieren sich in der Regel sechs Höhenziele zum Wandern heraus…

Wenn du nach Bergen im Bayerischen Wald googelst, kristallisieren sich in der Regel sechs Höhenziele zum Wandern heraus: Arber, Rachel, Lusen, Dreisessel, Falkenstein und Osser. Der Große Osser mit 1293 Metern liegt streng genommen auf tschechischer Seite, unweit gegenüber befindet sich der Kleine Osser auf deutschem Gebiet. Die Region zählt zum  Lamer Winkel, dem oberen Bayerischen Wald. Ich habe mich ein bisschen in die Gegend verliebt, wegen den imposanten grün-bewaldeten Hügeln, den traumhaften Wanderwegen und idyllisch gelegenen Orten. Als “Matterhorn des Bayerischen Waldes” bezeichnen die Lamer ihren Berg. Mit seinem markanten Spitz-Gipfel ist er in der Tat einzigartig im Bayerischen Wald, ansonsten ist der Vergleich mit dem Matterhorn ziemlich aufgebauscht. Die Fahrt von Passau nach Lam beträgt ungefähr eineinhalb Stunden, für mich ist der Osser also grundsätzlich ein Tagesausflug.

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Wandern am Osser: Rundwanderung über Himmelreich

Wir starten in Lam und parken am Wanderparkplatz gegenüber des Hotels Sonnenhof. Als Route entscheiden wir uns für die Rundwanderung über Himmelreich. Die Teerstraße vom Parkplatz führt bergauf und endet am Waldrand. Bereits nach wenigen Metern Anhöhe hast du einen schönen Ausblick auf das umliegende Tal. Bei der Beschilderung “steiler Aufstieg” und “Himmelreich-Maria Hilf” biegen wir rechts in den Wald ein.

Es wird tatsächlich steil, aber es beginnt auch das Erlebnis unberührter Natur. Im dichten Wald schlängelt sich der Weg entlang, zur linken Seite stehen alle paar Meter christliche Steinskulpturen mit kleinen Holzkreuzen, die mit Blumen geschmückt sind. An der Maria Hilf Kapelle erreichen wir unser erstes Ziel. Neben der Kapelle befindet sich ein Berggasthof. Leider wird er nicht mehr bewirtschaftet.

Die Besitzerin erzählt uns, dass es sich schlichtweg nicht mehr lohnt und sie auch keinen Nachfolger hat. Im Winter wandern kaum Touristen und im Sommer waren es mittlerweile auch zu wenig Gäste, die einkehren wollten. Für mich es ist ein Rätsel warum die bayerische Gemütlichkeit nicht mehr gelebt wird. Ich bin im Alltag meist in Stress, Hetze und Eile, aber in der Natur lasse ich mir gerne Zeit.

Richtung Böhmen über den Osserparkplatz “Sattel”

Für die weitere Strecke folgen wir nun stets der rot-weißen Beschilderung La1. “Grüner Weg” heißt die Etappe, sie wurde nach der gleichnamigen böhmischen Patengemeinde “Grün” betitelt. Einen passenderen Namen gäbe es ohnehin nicht, denn Wandern am Osser bedeutet, du bist von sehr viel Grün umgeben. Buchen, Wälder und Gräser, soweit das Auge reicht.

Durch den immer steiler werdenden Waldweg erreichen wir schließlich den Osserparkplatz “Sattel”. Theoretisch könntest du auch erst ab hier zum Osser wandern, wenn du nicht so lange bergauf marschieren möchtest.

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Teufelstritt und endlich 1000 Meter Höhenluft

Die nächste Teiletappe führt uns zum Teufelstritt. Mein Mann hinter mir verteufelt mich ebenfalls, weil er momentan nicht besonders fit ist und der Weg stetig ansteigt. Der Sage nach entstand der  Teufelstritt, als der wütende Teufel vom Osserberg sprang und seinen Fußabtritt hinterlassen hat. Bei deinem Besuch im Bayerischen Wald wirst du übrigens über eine ganze Reihe von Sagen über den Teufel stolpern.  Bei Interesse kannst du die Geschichte auf der Schautafel nachlesen und es dir ein paar Minuten auf der Bank mit dem plätschernden Brunnen gegenüber gemütlich machen.

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Ich genieße beim Aufstieg die frische Mai-Luft. Es ist meine erste Bergwanderung nach der Quarantäne Zeit. Zu hundert Prozent habe ich mich an die in Bayern verhängten Ausgangsbeschränkungen gehalten und war seit Februar nicht mehr über 1000 Meter. Ich hatte definitiv Bergsehnsucht! Ein Stück nach dem Teufelstritt beweist auch eine in Stein gemeißelte Markierung, dass wir auf 1000 Meter stehen.

Gipfelglück mit Wandersteinen

Es beginnt das letzte Stück der Wanderung zum Osser. Mittlerweile ist es Abend geworden und die meisten Wanderer kommen uns grüßend und mit ein paar aufmunternden Worten entgegen. “Gleich habt ihr’s g’schafft!” Das ist einer der Gründe, warum ich gerne in der Natur unterwegs bin, man trifft eigentlich nur freundliche Menschen. Wenn ich in der Stadt jemanden anspreche, kann es schon mal vorkommen, dass Leute einfach weiterlaufen. Selbst wenn es nur die Frage nach der Uhrzeit ist.

Der schwere Sturm “Kyrill” hat auch den Osser nicht verschont, aber irgendwie habe ich das Gefühl die Natur hat sich schneller regeneriert, als beispielsweise auf dem Dreisessel. Am Ende des Forstwegs erklärt eine weitere Schautafel ausführlich die geologische Besonderheit des Großen Ossers im Vergleich zu den anderen Bergen im Bayerischen Wald. Das Ossermassiv besteht aus Glimmerschiefer und nicht aus Graniten, die funkelnden Partikel fallen dir wahrscheinlich eher im Sonnenlicht auf.

Das letzte Stück führt an der Berghütte vorbei auf den langersehnten Gipfel mit seinem dogmatischen Holzkreuz. Gegenüber ruht der Kleine Osser, sein Gipfelkreuz wirkt aus der Ferne minimalistisch aber dennoch präsent. Ich entdecke einen Wanderstein neben dem Kreuz und freue mich riesig über das seltene Fundstück.

Die Wolken ziehen vorbei und der Wind bläst mir ins Gesicht – ich fühle mich tatsächlich grenzenlos frei! Wir sind allein auf dem Berg, die Sonne steht mittlerweile tief und färbt den Himmel in schmeichelnde Orangetöne. Ich könnte noch stundenlang verweilen, leider neigt sich der Tag dem Ende und es wird Zeit den Rückweg anzutreten.

Rückweg durch den Bayerischen Wald

Zurück folgen wir ebenfalls der La1 Beschilderung, der Weg ist wirklich gut markiert. Wir laufen durch wilden Wald und ohne Kennzeichnung und Mann wäre ich wahrscheinlich im Nachbarland Tschechien gestrandet. Der Kegel der untergehende Abendsonne blitzt mystisch zwischen den Bäumen hervor und außer uns ist keine Menschenseele mehr unterwegs. Dafür entdecke ich noch zwei weitere Wandersteine. Nach ungefähr einer Stunde erreichen wir einen Forstweg, der uns zurück nach Lam bis Parkplatz begleitet. Es ist so idyllisch! Hunderte Pusteblumen und Margeriten verzieren die Wiesen, dahinter reihen reiht sich malerisch der Bayerische Wald ein. Die Kulisse könnte aus einer Marketing-Broschüre stammen, aber es ist echt. Und nun begreife ich auch den Hashtag #heimatinecht des Lamer Winkels.

Infos zu deiner Wanderung:

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Anfahrt: von Passau über B85 und B11 bis Lam

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Parkplatz: gegenüber Hotel Sonnenhof in Lam - Himmelreich

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Anspruch: mittel

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Dauer: ca. 2-3 Stunden Aufstieg, 1 Stunde Abstieg

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